20.06.2014 um 16:00 von Lowcroft89
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DayZ: Von der Militärsimulation zur Zombie-Apokalypse

Die Zombies haben den ehemaligen Ostblock überfallen – mit Erfolg. In Windeseile hat sich DayZ zu einem Download-Hit auf Steam entwickelt. Erst hat es die Verkaufszahlen von ArmA 2 in die Höhe getrieben, jetzt gehört die Standalone-Version zu den Topsellern auf Valves Online-Plattform. Dabei befindet sich diese noch im »Early Access«-Stadium. Mit anderen Worten: Das Spiel ist noch nicht fertig. Doch wie hat das Ganze eigentlich angefangen?

Unsere Geschichte beginnt auf einer weit entfernten Insel: Neuseeland. Die dient nicht nur als Kulisse für Mittelerde, sondern ist auch die Heimat von Dean Hall. Am 14. Mai 1982 kam der gute Mann in Oamaru zur Welt. Während seiner Highschool-Zeit schenkten ihm seine Eltern einen Commodore Amiga. Die Spiele, die er darauf zockte, waren aber nicht ganz nach seinem Geschmack. Was macht man da also? Natürlich, man entwickelt seine eigenen Titel. So begann Hall seine Laufbahn als Game Designer. Doch bevor er professionellere Pfade betreten konnte, trat er erst einmal der Armee von Neuseeland bei. Im Rahmen seiner militärischen Karriere nahm »Rocket«, wie er sich heute nennt, an einem Austauschprogramm mit der Armee von Singapur teil. Dabei absolvierte er ein 30-tägiges Überlebenstraining im tiefsten Dschungel, das jedoch nicht ganz nach Plan verlief: Seine Essensrationen brauchte er bereits nach zwei Wochen auf, was in der restlichen Zeit zu Nahrungsmangel führte. Seine Fingernägel färbten sich deshalb gelb, er vergiftete sich selbst, weil er ungenießbare Pflanzen aß, und dehydrierte, weil er das verschmutzte Dschungelwasser trank. Am Ende musste er sich per Hubschrauber retten lassen und hatte 25 Kilo weniger auf der Wage.

Zum Wegwerfen viel zu schade

So ein Horrortrip kann einem ganz schön zusetzen – oder es bringt ihn auf neue Ideen. In diesem Fall inspirierte er Dean Hall dazu, DayZ zu entwickeln. Das Ganze war zunächst als Trainingssimulation für das Militär gedacht. Hall war schließlich mit der Software, die man verwendete, absolut nicht zufrieden, weil er dort viele Dinge vermisste. Beispielsweise konnten sich die Soldaten nicht um einen angeschossenen Kameraden kümmern, weil die medizinische Notversorgung nicht Bestandteil der Simulationen war. Die Begründung vom oberen Ende der Kommandokette war militärisch, präzise und unumstößlich: »Wir haben Sanitäter, die sich darum kümmern.« Also bastelte er ein eigenes Programm auf Basis der Militärsimulation ArmA 2 vom tschechischen Entwickler Bohemia Interactive, der durch den Taktik-Shooter Operation Flashpoint berühmt wurde. In ArmA 2 hatte »Rocket« zuvor bereits das Übungsareal seiner Einheit nachgebaut, um sich am Computer auf kommende Missionen vorbereiten zu können. Das Militär war von seiner Kreation jedoch nicht sonderlich begeistert. Wegschmeißen wollte Hall das Ergebnis aber auch nicht. Und so entstand eine erste Version von DayZ.

Was nicht passt, wir passend gemacht

Zunächst entwickelte Dean Hall die Modifikation in seiner Freizeit. Er nahm die Spielwelt Chernarus aus ArmA 2 als Schauplatz, die mit ihren 225 Quadratkilometern genug Spielraum für einen Zombie-Survival-Titel bietet. Doch damit auch Untote durch die verfallenen Städte und Dörfer streiften, musste »Rocket« erst einmal eine rudimentäre KI für die verfaulende Meute entwickeln. Schließlich gab Bohemias Militärsimulation dies selbst nicht her. Das Ergebnis war nicht gerade berauschend, aber es erfüllte seinen Zweck. Die Zombies waren zumindest eine Gefahr für die Spieler, da sie sich schnell bewegten und nicht so träge wie die üblichen George A. Romero-Untoten waren. Hall bastelte aber noch mehr eigene Inhalte beziehungsweise Spielmechaniken. Dazu gehört zum Beispiel, dass Spieler verbluten, nachdem sie gebissen wurden. In diesem Fall hilft nur eine Bandage, um die Blutung zu stillen. Um den Bluthaushalt wieder aufzustocken, ist logischerweise neues Blut notwendig. Das gibt es in Form von Blutpaketen. Die Transfusion können Spieler jedoch nicht an sich selbst vornehmen, dazu wird eine helfende Hand benötigt. Alternativ lässt sich durch Nahrung ein kleiner Teil der lebenswichtigen Körperflüssigkeit regenerieren. Und essen und trinken muss man sowieso regelmäßig, sonst verhungert beziehungsweise verdurstet man. Auch das gibt es im eigentlichen ArmA 2 nicht.

Das lange Warten

Doch Dean Hall sollte nicht auf ewig unabhängig an DayZ arbeiten. Irgendwann arbeitete er als Freiberufler für Bohemia Interactive, da ging es jedoch noch um ArmA 3. Nachdem die Mod-Version von DayZ aber einschlug wie eine Bombe und ArmA 2 zur Spitze der Steam-Charts verhalf, stellte das tschechische Studio Hall fest ein – mit dem Ziel eine eigenständig lauffähige Version des Survival-Spiels zu entwickeln. Eine gewisse Zeit lang werkelte Bohemia noch an der Mod-Version, bis das Team sich im Herbst 2012 voll und ganz der Standalone-Fassung widmete. Die Entwicklung zog sich für Außenstehende allerdings ganz schön hin. Im August 2012 kündigte »Rocket« das Spiel an. Damals hieß es noch, es solle Ende 2012 erscheinen. Doch der Plan ging nicht auf und das ganze Jahr 2013 über fragten sich die Fans, wo denn das neue DayZ wohl bleibe.

»Kauft es nicht!«

Erst am 16. Dezember 2013 sollte es soweit sein: An jenem Tag veröffentlichte Bohemia Interactive aber nicht das fertige Spiel, denn das steht immer noch aus. Stattdessen gab es die Alpha-Version im Rahmen des »Early Access«-Programms von Steam. Und die war eigentlich nicht für jeden zu empfehlen. Für den Preis von knapp 24 Euro bekam man ein Spiel, dass noch weit davon entfernt war, auch nur ansatzweise fertig zu wirken. Es fehlten zahlreiche Features, auf den Servern tummelten sich kaum Zombies und Items waren schwer auffindbar. Das lag daran, weil sowohl sämtliche Gegenstände als auch Untote nur beim Server-Neustart neu generiert wurden und nicht von selbst nach gewisser Zeit respawnten - dem ist übrigens auch heute noch so. Dean Hall riet sogar davon ab, die Alpha zu diesem Zeitpunkt zu kaufen, falls man einfach nur DayZ spielen wollen würde. Trotzdem verkaufte das Spiel sich innerhalb eines Monats über eine Million mal.

Komplexe Zombie-Welt

Mittlerweile haben einige Elemente ihren Weg in die Alpha-Version gefunden, die es schon in der Mod gibt. Dazu gehören beispielsweise Tiere, die euch als Nahrungsquelle zur Verfügung stehen, oder Lagerfeuer. Die Standalone-Fassung bietet aber auch gänzlich neue Features. Unter anderem könnt ihr Beeren und Äpfel pflücken, angeln oder Leute fesseln und ihnen sogar einen Sack über den Kopf stülpen, was bereits für einige interessante Geschichten im Internet gesorgt hat. Generell gewinnt DayZ an Komplexität, in dem es nun zum Beispiel unterschiedliche Blutgruppen gibt, mehr Waffen, viel mehr unterschiedliche Kleidungsstücke und vieles mehr. Außerdem haben die Entwickler ein paar neue Städte und Dörfer in Chernarus hochgezogen und es sind viel mehr Gebäude begehbar, als in der Mod-Version. Das ist der Tatsache zu verdanken, dass bei der Standalone-Variante nicht mehr die ArmA 2-Engine am Werk ist, sondern das Grafikgerüst von Take On Helicopters.

Wie geht’s weiter?

Wie sieht nun die Zukunft von DayZ aus? Die Beta-Version soll nicht vor Ende 2014 erscheinen. Das Spiel wird zwar aktuell mit Hochdruck weiterentwickelt, immer wieder gibt es Updates, die neue Inhalte liefern und natürlich auch Fehler ausmerzen sollen – in DayZ wimmelt es schließlich nach wie vor nur so vor Bugs, da bleibt es der Mod-Fassung treu. Ob die Beta tatsächlich noch in diesem Jahr kommt, steht in den Sternen. Hinzu kommt, dass Dean Hall im Februar verkündete, bis zum Jahresende seinen Arbeitsplatz bei Bohemia räumen zu wollen und wieder nach Neuseeland zurückzukehren. Allerdings soll dies erst geschehen, wenn DayZ über den Alpha-Status hinaus ist. Möglicherweise bleibt er also noch etwas länger als geplant in Prag, dem Sitz des Entwicklerstudios, oder das Team legt uns die Beta tatsächlich als Geschenk unter den Weihnachtsbaum. Es sei zudem nicht ausgeschlossen, dass »Rocket« sich zu einem späteren Zeitpunkt wieder an den Arbeiten an DayZ als externer Berater beteiligt.

»Möchen Sie mehr wissen?«

So oder so: DayZ bleibt ein spannendes Thema, an dem wir natürlich dranbleiben. Dieser Artikel soll nur der Anfang einer ganzen Reihe sein. In der nächsten Zeit erwarten euch bei uns noch einige andere Specials, in denen wir uns unter anderem mit der Faszination des Spiels befassen und einen Blick auf die Nachahmer und Konkurrenten werfen. Also seid gespannt, hier wird euch noch einiges mehr zum Thema DayZ erwarten.



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